Und täglich grüßt der Ararat

Jerevan, 17.06.2018

Die Müdigkeit liegt wie ein schwerer Schleier über mir. Da kann weder der ekelige Instantkaffee, der hier als Symbol für den verheißungsvollen Westen daherkommt, noch die stark strahlende Sonne und noch viel weniger das dröhnende Vogelgezwitscher, das dem Stadtmotorenlärm Konkurrenz macht, etwas ausrichten. Heute Nacht um kurz vor vier sind wir in Jerewan gelandet.

Jerevan, 20.06.2018

Und täglich grüßt der Ararat. Sonne, Morgenluft, Vögel. Dazu gediegener Stadtlärm und selbstaufgebrühter Kaffee. Ich sitze im Hotelzimmer auf dem Fensterbrett und genieße den freien Blick auf den heiligen Berg Armeniens, der inzwischen zur Türkei gehört. Morgens vor sieben Uhr ist der Blick auf den Gipfel noch am ehesten wolkenlos und die Straße am ruhigsten. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen, vereinzelte Autos, keine Müllabfuhr, keine Straßenreinigung und keine Schulbusse. Noch nicht. Gegen halb acht sehe ich den ersten Passanten, der gemächlich seinen Hund ausführt.

Gestern Abend, lange nach Einbruch der Dunkelheit, war die ganze Stadt auf den Beinen. Selbst die Jüngsten und Ältesten haben sie in die besten Kleider gesteckt und zum Flanieren mit hinausgebracht. Das ist hier so, man sitzt des abends auf den Plätzen. Vor dem Konzerthaus fahren Kinder Gocart oder toben auf schreiend bunten Spielplätzen. Auf dem Platz der Republik ringen Straßenmusiker um Beachtung und finden sie meist bei Touristen, ein Herr lässt seine zwei Dalmatiner Kunststückchen vorführen, an jeder Ecke gibt es Zuckerwatte und Popcorn und die Straßen, die Bars und Cafés sind voll. Es herrscht ein geschäftiges Treiben, obwohl jeder Einzelne nichts weiter tut als dem Moment zu fröhnen. Ein wonnevoller Ameisenhaufen.

Wenn ich etwas von den Armeniern lernen kann, dann wohl das erhabene Schlendern und das Beisammensein ohne etwas zu tun. Nichts scheint in diesem Moment wichtiger und genussvoller zu sein, als mit den Freunden auf einer Bank zu sitzen und den Leuten dabei zu zusehen, wie sie unverhohlen schick über den Boulevard bummeln. Es ist schon spät und der nächste Tag ist ein ganz normaler Wochentag, aber das scheint im Jetzt nicht wichtig. Bis dahin ist noch Zeit.