Nach Abchasien! Wie man in das verbotene Land kommt.

Am Strand von Suchum

Als ich meinen russischen Freunden von meinen Reiseplänen nach Abchasien erzählte, bekamen sie einen ganz verträumten Blick und fingen an, von ihren eigenen Urlauben in Abchasien zu schwärmen. Zu Sowjetzeiten war die kleine Republik Abchasien, die zwischen Schwarzem Meer und Kaukasusgebirge liegt, eines der beliebtesten Urlaubsziele der Russen.

Das Wasser dort ist türkisblau, die Berge hoch und majestätisch und die abchasische Küche vorzüglich! Mit diesem Bild vor Augen habe ich mir also in den Kopf gesetzt, die kleine Republik Abchasien selbst einmal zu besuchen.

Umgeben von Russland und dem Kaukasus im Norden, Georgien und ebenso Kaukasus im Südosten, sowie dem Schwarzen Meer im Westen. Bildquelle: Wikitravel

Dabei soll das weder einfach noch ungefährlich sein, wenn man aus dem westlichen Ausland kommt und vielleicht auch mal nach Georgien reisen will.

Die kleine Republik, die ungefähr halb so groß ist wie das Bundesland Thüringen, war schon lange autonom, aber in jüngerer Geschichte Teil der Sowjetrepublik Georgien – was ihr nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zum Verhängnis wurde. Wenn ich sie im Folgenden als „Land“ bezeichne, dann ist das in den Augen der Abchasen und 5 UNO-Staaten richtig, während der Rest der Welt diesen Ausdruck als völkerrechtlich inkorrekt bezeichnen würde. Das Deutsche Auswärtige Amt bezeichnet Abchasien sogar als ein “von Georgien abtrünniges Gebiet” und rät dringend von der Einreise ab, weil es keine konsularische Vertretung vor Ort gibt. (Nichts ist reizvoller, als das Verbotene!)

In Abchasien selbst fühlt sich das ganz, ganz anders an. Hier nimmt man die eigene Staatlichkeit ernst und ist stolz darauf. Es gibt also eine Regierung, verschiedene Ämter und was man nicht alles braucht, um ein Land zu führen. Nur die ausländischen Vertretungen fehlen. Und statt ausländischen Investoren gibt es Entwicklungshilfe von Russland. Militärische Unterstützung, um die Grenze zu Georgien zu stabilisieren gibt es ebenso. Aber das sind alles Themen für sich.

Vor meiner Einreise habe ich mir ein paar Sorgen gemacht, was wohl passiert, wenn ich im nächsten Jahr nach Georgien einreisen will (denn Reiseaufträge dafür stehen schon fest) und die Georgier womöglich einen abchasischen Stempel in meinem Reisepass finden. Es ist nämlich offiziell verboten, überhaupt nach Abchasien einzureisen. Laut georgischem Gesetz drohen jedem – ob Georgier oder Ausländer – Haftstrafen. Zum Glück ist das abchasische Visum aber einfach nur ein bunter Zettel, den man aus dem Pass wieder herausnehmen kann und niemand muss je erfahren, dass ich hier gewesen bin.

Nun gibt es nicht besonders viele Informationen über das Visum, wie man es bekommt und ob das „Visa on arrival“, welches im Jahr 2017 eingeführt wurde, überhaupt funktioniert. Weil ich vor meiner Abreise ziemlich viel zu tun hatte, habe ich es gerade mal geschafft, ein Russlandvisum mit zweimaliger Einreise zu beantragen. Mehr nicht. Kein Visumsantrag für Abchasien, kein Plan, wie ich da überhaupt hinkommen würde.

Offiziell soll man auf der Seite des Auswärtigen Amtes von Abchasien ein Formular ausfüllen und bekommt dann nach 7 Werktagen die Einreisegenehmigung, muss aber trotzdem noch in Suchum zum Auswärtigen Amt, um sich das richtige Visum abzuholen. Das geht auch einfacher.

Mit dem Nachtzug der Linie 305 aus Moskau fuhr ich von Krasnodar nach Suchum. Abfahrt um 22:38 Uhr, Ankunft 10:28 Uhr. Für 1300 RUB (16 Euro) hatte ich ein Bett in der 3. Klasse. Das war schwer in Ordnung, fand ich. Aber warum ein Zug für eine Strecke von 500km ganze 12 h brauchen sollte, war mir trotzdem schleierhaft.

Ich hing also noch den ganzen Tag in Krasnodar rum, der Stadt Russlands, die ich am wenigsten mochte, und fragte mich, was die Grenzkontrollen wohl mit mir machen würden, wenn ich ohne Visum nach Abchasien einreisen würde. Im Internet las ich von Leuten, die wieder zurückgeschickt wurden und von einem Briten, der drei Tage in einem georgischen Gefängnis saß, weil er über den Grenzübergang von Georgien gegangen war. Uff, ich schickte also ein Stoßgebet gen Himmel und machte mich auf den Weg zum Bahnhof.

Im Nachtzug teilte ich mir das Abteil mit einpaar russischen Mädels und hatte eines der oberen Betten. Die Luft war furchtbar dick, weil wir die Fenster nicht öffnen konnten und einfach nicht gelüftet wurde. Also ging ich zum Atmen aufs Klo. Da stand das Fenster immer offen.

Am Morgen wurde ich durch die Schaffnerin geweckt, die die Grenzkontrolle ankündigte. Wir Mädels saßen unten auf den Betten wie die Hühner auf der Stange und warteten gespannt. Einbisschen enttäuscht waren die anderen , als der Kontrolleur nur mich überprüfte, mir Fragen stellte (Wohin, warum, mit wem, wie lange …?) und meine Zeigefinger scannte. Aber es kam noch eine zweite Kontrolle von der russischen Mannschaft in den Zug, der dann alle (auch mich nochmal) überprüfte und mit den Mädels flirtete. Wir tönten ihm im Chor unser „Daswidanja“ nach, als er sich verabschiedete. An der russischen Grenze standen wir eine gute Stunde, dann fuhren wir 30min im Schritttempo und hielten an der abchasischen Grenze nochmals für eine Stunde. …daher also die 12 h für 500km!

Der abchasische Posten hatte wohl nicht so viel geschlafen, jedenfalls übersah er bei uns ein Mädchen komplett und als er mein Russlandvisum abfotographierte, fiel ihm scheinbar nicht auf, dass er ein altes von vor vier Jahren aufgeschlagen hatte. Nach meinem Abchasienvisum fragte er erst gar nicht, sondern erklärte nur, in welcher Straße von Suchum ich es besorgen sollte. Das wars. All die Aufregung wegen nichts!

Das Amtsgebäude in Abchasiens Hauptstadt

In der Hauptstadt angekommen habe ich mich auch gleich zur Ulitsa Sacharova 33 durchgefragt (ganz einfach, in der Nähe des Prospekt Mira, das Gebäude ist nicht zu übersehen) und dort in Null Komma Nichts mein Visum bekommen. Bezahlen kann man dort inzwischen vor Ort mit Kreditkarte.

Nun hab ich also fast zwei Wochen Zeit, um dieses kleine Land zu erkunden und bin schon jetzt ganz euphorisch. Es ist so wunderschön und sooo spannend! Man sieht noch die Kriegsspuren und merkt gleichzeitig, dass die wenigen Bewohner, die nach den Massakern an der georgischen Bevölkerung noch übriggeblieben sind, versuchen, das Beste aus ihrem Land zu machen. Die öffentlichen Gebäude sind schön und neu, während es gleich daneben viele Ruinen gibt. Lost places neben schönen Neubauten.

Ruinen in jeder Straße, wohin man auch blickt.

Feiern wie die neuen Siedler