Patriotismus auf Neurussisch

Russland am 9. Mai

Während am 9. Mai Militärparaden über den Roten Platz ziehen, erklingen in einem kaukasischen Ökodorf Lieder vom Frieden und der Liebe 

Jedes Jahr im Frühling dekoriert sich Russland von Moskau bis nach Wladiwostok mit orange-schwarz-gestreiften Bändchen. An den Straßenrändern erinnern überdimensionale Plakate mit Panzern, Schleifchen und Blumen an den größten militärischen Feiertag des Landes. Im Radio und Fernsehen, in den Zeitungen und im Internet lädt man zum День Победы, dem „Tag des Sieges“ ein.

In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht vor den Alliierten. Während der 8. Mai in Deutschland ein Gedenktag ist, von dem nicht einmal jeder Bürger weiß, dass er überhaupt existiert, wird in Russland der 9. Mai so groß gefeiert, dass schlichtweg niemand darum herum kommt. Nicht mal in den abgelegenen Ökodörfern, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, die Mehrheit nicht wählen geht und sich niemand für das Leben „da draußen“ interessiert. Selbst dort wird der Tag des Sieges über das Dritte Reich zelebriert.

Ich selbst bin im Nachfolgerstaat jenes Übeltäters groß geworden, einer Nation ohne Pathos, habe noch nie unseren Nationalfeiertag begangen und bin insgeheim sehr, sehr skeptisch, wenn ich mir die russischen Patrioten so ansehe. Aber in die Feierlichkeiten zum 9. Mai werfe ich mich und meine Reisegäste immer wieder wagemutig rein. Wie in kaltes Wasser. Nur dass „russisches Herzblut“ hier eher zutrifft. Wir sind neugierig darauf, wie man in Russland so feiert. Und weil wir nicht nur das Bullerbü-Idyll eines Ökodorfs miterleben wollen, besuchen wir am Vormittag den Umzug in der nächstgelegenen Kleinstadt, später am Nachmittag dann die Zusammenkunft in der Familienlandsitzsiedlung „Wedrussija“.

Der Beinahe-Nationalfeiertag

Der 9. Mai ist inzwischen Russlands größter Feiertag und stellt sogar den Nationalfeiertag am 12. Juni in den Schatten. Auf dem Roten Platz in Moskau nimmt Putin Militärparaden ab, die pompöser und protziger nicht sein könnten. Während die Feierlichkeiten in Russlands staatlichem Zentrum nur für Ausgewählte und hohe Tiere sind, gibt es auch noch die Paraden fürs Volk. Die Parade des „Unsterblichen Regiments“ ist sogar eine Erfindung des Volkes, welche inzwischen Putin persönlich zum Mitmachen angesteckt hat und in jeder noch so kleinen Kleinstadt in Russland zelebriert wird.

 

Meine Kompagnons und ich waren etwas spät dran, als wir uns am Morgen des 9. Mai aus der Einsamkeit des Ökodorfs in die Kleinstadt Ilskiy begaben, um diesem Gedenkmarsch beizuwohnen. Auf den Seitenstraßen der Stadt, die so gut ausgebaut waren wie Feldwege, mussten wir neben Ladas, steinalten Moskwitschs und japanischen Gebrauchtwagen die zweite Reihe zum Parken eröffnen. An uns strömten herausgeputzte Menschen vorbei. Auf mich wirkten sie schick und ärmlich zugleich. Der Nagellack schien zwar frisch zu sein, aber ihre Kleidung irgendwie aus einer anderen Zeit. Neu waren wohl nur die orange-schwarzen Schleifen, die so gut wie jeder am Kragen oder an der Bluse stecken hatte. Manche Kinder trugen rote Pioniertücher und militärische Käppis.

Wir ließen uns vom Strom führen und standen kurzer Hand dort, wo der Zug des „Unsterblichen Regiments“ auf dem großen Platz eintraf. Bei diesem Umzug handelt es sich um einen Gedenkmarsch, bei dem Menschen mitlaufen, deren Verwandte im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Da es kaum eine Familie ohne Helden und Opfer in Russland gibt – schließlich ließen mehr als 27 Millionen Menschen der Sowjetvölker ihr Leben im „Großen Vaterländischen Krieg“, wie sie ihn nennen – ist es quasi ein Marsch für alle und jeden. Die Leute auf der Straße vor uns hielten stolz groß aufgezogene Fotographien der verstorbenen Väter und Großväter hoch, während eine Militärkapelle spielte und ein Kommentator ehrwürdige Sachen über die Kriegshelden durch ein Megafon sprach.

Ich mag die Idee, dass die Jungen die Bilder ihrer Vorfahren mit Stolz und Hochachtung tragen und ihnen somit für ihren Einsatz danken. Auch dass die letzten übriggebliebenen Veteranen an diesem Tag hofiert wurden, fand ich ganz niedlich. Nur irgendwie hatte ich ziemlich bald den Eindruck gewonnen, dass dieses Fest aus Kriegspropaganda, Alkohol und Volksfest bestand.

Nach dem Umzug verlief sich die Menge im Stadtpark. Auf einer großen Bühne zeigten die Vereine und Schulklassen ihr Können. Nach der lokalen Tanzgruppe kamen der Schulchor, ein paar Solisten, Gedichte, viele Gedichte und noch mehr Musik. Bis auf die Tanzeinlagen hatte alles einen militärischen Beigeschmack. In den Gedichten ging es um Kriegshelden, die Lieder klangen nach Marschmusik. Und über allem schwebte der Pathos des Krieges.

Nach einiger Zeit waren wir des Programms überdrüssig und zogen eine Runde durch den Park, vorbei an Ständen, die an Jahrmarkt erinnerten. Zuckerwatte, Dosenwerfen und eine Hüpfburg konnten uns auch nicht so wirklich begeistern. Dafür wollten wir etwas dafür tun, dass wir als deutsche Reisegruppe nicht all zu sehr auffielen und kauften uns auch diese Ansteckschleifen, die alle trugen. Eddy und Helga gingen sogar noch weiter und kauften sich Marinekäppis.

 

Das Sankt-Georgs-Band steckt man sich in Russland am 9. Mai an und viele Leute tragen es noch lange später am Rucksack oder so. Der gesamten Roten Armee wurde nach dem 2. WK der Orden der Sowjetischen Garde verliehen, woran man heute noch mit diesen Bändchen erinnert. 

 

Irgendwann grummelte uns der Magen und wir suchten nach etwas Essbarem. Aber für Vegetarier ist das bei einem russischen Straßenfest gar nicht so einfach. In der Bar am Platz gibt es Schaschlik und Gulasch. Also kehrt gemacht und wieder raus aus der Bar, weiter geht’s mit der Suche nach etwas Bekömmlichem. …nun ja. So schnell geht das aber nicht. Soeben haben wir uns mit dieser Vegetarier-Frage als deutsche Touristengruppe zu erkennen gegeben und nun werden wir nach einer neugierigen Musterung zum gemeinsamen Trinken eingeladen. Vor allem unsere zwei schicken Frauen mit ihren Käppis haben das Interesse der Leute auf sich gezogen. Der Typ, der sie angequatscht und zum Trinken eingeladen hat, ist mit Orden bedeckt, obwohl er noch gar nicht mal so alt ist. Ich vermute,dass er der Sohn eines verdienten Soldaten oder so ist. Jedenfalls hat er schon ordentlich einen im Tee und seine zwei Begleiterinnen, die auf ein Gruppenfoto bestehen, sind ebenso gut dabei.

Trinken auf die Freundschaft

Nichts gegen uns

Mir ist es etwas peinlich, dass ich bei so herzlicher Gastfreundschaft zum Gehen dränge. Andererseits ist mir auch unangenehm, wie unglaublich willkommen wir hier sind. Wir werden fast wie VIPs behandelt, dabei wird heute der Sieg in einem Krieg gefeiert, den wir angezettelt haben. Jedenfalls dachte ich, dass die Russen das feiern und fühlte mich deshalb immer schlecht. Ich war nicht zum ersten Mal am 9. Mai in Russland und immer fühlte es sich seltsam an. Ich hatte Schuldgefühle für eine Sache, an der ich komplett unschuldig war.

Es hat ein paar Jahre gedauert, aber diesmal zum 9. Mai ist der Groschen gefallen: Die Russen feiern nicht den Sieg über die Deutschen! Warum sollten sie auch, schließlich schätzen sie das deutsche Volk sehr und wünschen sich eine enge Verbindung. Vielmehr feiern sie den Sieg über den Faschismus, über den Nationalsozialismus und schlichtweg den Sieg in einem Krieg, der sie schwer getroffen hat.

Der zweite Weltkrieg war ein verbindendes Element in der Sowjetunion. Jede Nation, jedes Volk in diesem riesigen Staatenkonstrukt hat seine Opfer für das gemeinsame Ziel gebracht. Jetzt, im 21. Jahrhundert, gibt es die SU zwar nicht mehr, aber Russland besteht immer noch aus an die hundert Nationalitäten. Die Erinnerung an die gemeinsame, erfolgreiche Geschichte wirkt auch jetzt noch verbindend. Außerdem feiert man mit dem historischen Sieg gleichzeitig die aktuelle Stärke. Schließlich sind es moderne Panzer, die zur Schau vorgefahren werden, moderne Kampfflugzeuge, die über Moskau Loopings schlagen und junge Soldaten, die im Chor ihr „Hurra“ auf das Vaterland Russland brüllen. Ein Feiertag, der sich nur eines historischen Ereignisses bedienen würde, wäre nicht so erfolgreich. Der Trick ist, dass der historische Sieg als Anlass genommen wird, sich im Hier und Jetzt zu beweihräuchern und an der eigenen guten Figur zu erfreuen.

Partymuffel?

Es gibt nur sehr, sehr wenige Russen, die den 9. Mai nicht feiern. Zu denen gehört meine Freundin Jeniya, die in St. Petersburg an der Uni arbeitet. Als ich ihr begeistert erzählte, dass ich den 9. Mai in Russland feiern würde, rollte sie mit den Augen und schnaufte. Sie bliebe an diesem Tag demonstrativ zu Hause, meinte sie. Der Feiertag sei eine Erfindung der Kommunisten und erst in den 60er Jahren zu Propagandazwecken eingeführt worden. Ungefähr 15 Jahre lang sei der Krieg und alles, was damit zu tun hatte, in jeder russischen Familie ein Tabuthema gewesen. Die heimgekehrten Männer seien traumatisiert gewesen und hatten partout nicht darüber sprechen wollen. Oder waren es die Daheimgebliebenen, die Witwen, die Mütter von Gefallenen, die das Thema mieden, fragte ich mich. Jedenfalls hatte der Krieg eine klaffende Wunde hinterlassen und niemandem war nach Feiern zumute. Dass es der Sieg im Zweiten Weltkrieg vom einstigen Tabuthema nun zum größten Feiertag im ganzen Land geschafft hatte, sei lediglich auf die gute Werbung aka Propaganda zurückzuführen, so Jeniya. Aber mit all diesem militärischen Zirkus und dieser alles übertünchenden Werbung sei es doch offensichtlich, dass es sich um einen künstlich geschaffenen Feiertag handelt, der nicht von sich aus vom Volk gefeiert wird. Oder würde irgendwer vielleicht Väterchen Frost oder Ostern verschlafen, wenn die Medien mal nicht davon redeten?

Offene Bühne in Wedrussija

Fern der großen Propagandaapparate

Die letzte skeptische These konnte ich wunderbar im Ökodorf „Wedrussija“ nachprüfen. Dort leben die Menschen freiwillig ohne Fernsehen und Radio. Der Solarstrom und die Funkverbindung reichen für ein bisschen Internet, mehr nicht. Die Leute sind mit sich und ihren Familien, mit dem Land, der Gemeinschaft und dem Broterwerb beschäftigt. Selten zeigt jemand Interesse für gesellschaftliche Themen oder Politik. Wie feiern Aussteiger also einen Festtag, der so komplett normal und systemgesteuert ist? Feiern sie den überhaupt?

Nachdem meine Reisegruppe und ich uns an besagtem 9. Mai zur Mittagszeit noch kurz dessen versichert hatten, dass man in normalen russischen Restaurants die Küche überfordert, wenn man „vegetarisch“ essen möchte, verließen wir nicht so ganz befriedigt die Stadt und drollten uns gen Ökodorf. Im Gemeinschaftshaus auf der Sonnenwiese von Wedrussija sollte es am Nachmittag eine kleine Feier geben. Zu unserem Glück war der erste Punkt das gemeinsame Essen, zu dem jeder etwas mitbrachte. Und so futterten wir uns erstmal durch vegetarischen Borschtsch, Blini und Co.

Danach begann ein buntes Programm. Kinder und Erwachsene trugen Gedichte und Lieder vor. Einmal wollte jemand Tänze anleiten, woraufhin die Hälfte der anwesenden Männer eilig den Saal verließ, um mit den Jungen draußen Fußball zu spielen. Und dann kamen wieder Lieder und Gedichte. Stolze Eltern strahlten ihre Kinder auf der kleinen Bühne an, während andere Kinder noch freudig aufgeregt auf ihren Auftritt warteten. Der Publikumsliebling war Ulijana, die mit Playback ein russisches Kinderlied sang. Es handelte von ihrem zukünftigen Schatz und welche Vorzüge er haben sollte. Im Original wurden materielle Güter aufgezählt, die er anschleppen müsste, um ihr zu gefallen. Ulijana (naja, vielleicht auch ihre Mutter) hatte es so abgeändert, dass es um die inneren Qualitäten ging und er am Ende einen Landsitz für sie aufbaute.

Als Höhepunkt des Programms wurde das Bardenpaar Larissa und Petja angekündigt. Ich bekomme immernoch Gänsehaut, wenn ich mir ihre Lieder auf CD anhöre und an dem Nachmittag flossen schon ein paar Rührungstränen bei den Zuhörern.

Lediglich ein Mal stockte mir der Atem, weil ein kleiner Junge, der von Kopf bis Fuß militärisch gekleidet war, mit enorm viel Pathos ein Kriegsgedicht vortrug. Das hätte ich an dieser Stelle nun gar nicht erwartet! Zwischen all den Liedern vom Landsitzleben, der Liebe und dem Frieden, die gefühlt den ganzen Raum zum Leuchten gebracht hatten, wirkte dieser Militärpathos einfach nur psychopathisch. Dabei war genau das gleiche Bild noch heute Morgen so normal gewesen. Der bildhübsche Junge mit dem blonden Lockenschopf unter dem Militärkäppi wäre auf der Bühne in Ilskiy nur als besonders gut aufgefallen. Hier auf der kleinen, improvisierten Bühne von Wedrussija wirkte die Nummer schräg. Ich nahm wahr, wie auch die Frauen um mich herum erleichtert ausatmeten als er sich tief verbeugte und schnell die Bühne verließ. An freundlichem Applaus hat es trotzdem nicht gefehlt.

Ansonsten war die Atmosphäre im Gemeinschaftshaus warm und familiär. Egal wie (semi-)professionell ein Beitrag war, die Zuhörer waren dankbar und wohlwollend. Selbst als Erich und ich ein deutsches Lied sangen und man das nicht gerade als Glanzleistung verbuchen konnte, ernteten wir ziemlich viel Applaus. Nach und nach hat sogar fast jeder aus unserer Reisegruppe einen spontanen Auftritt gehabt und dabei etwas aus seiner Kultur mitgebracht.

Wenn man Spaß am interpretieren hat, könnte man unser Mitwirken als eine Art Feier der Deutsch-Russischen-Freundschaft sehen. Jedenfalls fand ich es gut, dass wir präsent waren und uns mit eingebracht haben.

Ein Fazit also?

Ich bin gespannt, wie sich der 9. Mai in den nächsten Jahren entwickeln wird. Bei den öffentlichen Feierlichkeiten ist eine Steigerung von Kraftstrotzen und Protzen nicht mehr möglich, die letzten verbliebenen Veteranen werden nicht mehr lange leben. Bald gibt es wenige Menschen, die sich noch tatsächlich an die Kriegszeiten erinnern können und die jungen Generationen werden wohl nicht so emotional gefesselt sein, um einen Tag zu feiern, von dem nur noch die Geschichtsbücher erzählen. Wenn sich der 9. Mai als ein riesiger Feiertag des gesamten russischen Volkes halten soll, dann braucht er dringend einen neuen Inhalt. Ein Kriegstriumph wird spätestens 100 Jahren fade, genauso wie die Angeberei über die eigene militärische Stärke irgendwann unglaubwürdig wird. Was man aber immer feiern kann sind Frieden und Freundschaft. Zum Beispiel Frieden unter den Nationen und die Freundschaft zwischen Russen und Deutschen. Wie wäre es also, wenn man den 9. Mai zukünftig als den Tag der Deutsch-Russischen Freundschaft feiert? Die Weichen dafür wären schon mal gestellt – zumindest in Wedrussija.

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